Auf dem Bergkamm der Welt
Es gibt Fahrten, die man plant. Und es gibt Fahrten, die einen überwältigen. Unsere Rennradtour am 6. April 2026 war beides: durchdacht genug, um zu starten – und wild genug, um bis zum letzten Licht der Sonne zu dauern.
76 Kilometer. 1.437 Höhenmeter. 3 Stunden und 21 Minuten reine Fahrzeit. Und ein Sonnenuntergang, der exakt pünktlich auf uns gewartet hat.
Die Crew und der Plan
Raphael Zentner, Michael Witt und ich – drei Rennradfahrer, eine Route, keine ernstzunehmenden Warnzeichen. Außer eine: Ulrike Hoelz hatte uns eindringlich erinnert, dass dieselbe Tour vor drei Jahren in der Dunkelheit geendet war. Vollständiger Satz, kein Ausrufezeichen – einfach hingestellt als Tatsache, wie man einen Hinweis auf eine Baustelle aufstellt. Und das Pikante daran: Damals wie heute war es Raphael, der die Tour geleitet hatte – und auch Michael war bereits dabei. Derselbe Raphael, derselbe Michael, derselbe Weg, dieselbe Tendenz zu entspannten Pausen und enthusiastischen Abfahrten. Ulrikes Urteil über das damalige Abenteuer fiel dabei eindeutig aus: „Michael war der einzige, der sich damals um mich gekümmert hat." Ein Satz, der alles sagt – über die Lage, über Michael, und vielleicht auch ein bisschen über Raphael. Wir haben genickt. Wir haben es zur Kenntnis genommen. Und wir sind trotzdem gefahren.
Startpunkt war Savignano sul Rubicone – eine Stadt mit großem Namen und großer Geschichte. Der Rubicon, jener legendäre Fluss, den Caesar überschritt und damit den Bürgerkrieg auslöste, fließt hier durch die Landschaft. „Den Rubikon überschreiten" – eine Redewendung für eine Entscheidung ohne Umkehr. Passend, wie sich im Nachhinein herausstellte.
Die Route führte uns über Borghi, Sogliano, Vignola und Savignano di Rigo – kleinen Ortschaften, die man auf keiner Touristenkarte findet, aber auf keiner Radkarte missen möchte. Der Rückweg verlief erneut über Sogliano. Eine Schleife durch eine Gegend, die man nur als das beschreiben kann, was sie ist: eine der schönsten, die ich je mit dem Rad durchquert habe.
Erste Pause nach 14 Kilometern – ein schlechtes Zeichen?
Ich gebe es zu: Ich war derjenige, der nach 14 Kilometern bereits leise Panik schürte. Die erste Pause kam früh – sehr früh. Und während die anderen ihr Getränke und die Aussicht genossen, rechnete ich im Kopf. 14 Kilometer in – wie lange hatten wir gebraucht? Wie viele Pausen würden noch folgen? Wie viel Tageslicht blieb uns?
Die Zahlen gefielen mir nicht. Ich behielt meine Bedenken vorerst für mich, aber das Gespenst von Ulrikes Warnung saß mir bereits im Nacken. Drei Jahre zuvor war dieselbe Crew im Dunkeln heimgekehrt. Mit Glück, ohne Sturz, aber mit dem stillen Versprechen: nie wieder.
Und nun saßen wir hier, nach 14 Kilometern, mit noch über 60 vor uns.
Der Bergkamm – das Herz der Tour

Wer jemals auf einem Bergkamm geradelt ist, weiß, was das bedeutet: Man ist buchstäblich oben. Links fällt das Land ab, rechts fällt das Land ab, und vor einem liegt die Straße wie ein Faden, den jemand sorglos über den Rücken der Erde geworfen hat.
Genau das erlebten wir auf dem Höhepunkt dieser Tour – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Der Blick öffnete sich nach allen Seiten. In der Ferne: San Marino, thronend auf seinem Felsen wie eine mittelalterliche Festung, die sich geweigert hat, aufzugeben. Darunter das sanft gewellte Italien, die Hügel der Romagna, Felder, Weinberge, kleine Dörfer. Eine Landschaft wie gemalt – und wir mittendrin, auf schmalen Reifen, mit Helmen auf dem Kopf und Staunen im Blick.
Solche Momente rechtfertigen jede frühe Pause, jeden übermüdeten Oberschenkel, jede skeptische Warnung im Vorfeld. Man ist einfach froh, dort zu sein.
Abfahrten und Ehrlichkeit
Bergkämme haben eine schöne Eigenschaft: Was raufgeht, kommt auch wieder runter. Die Abfahrten auf dieser Tour waren lang, schnell und kurvenreich – genau die Art von Abfahrten, bei denen man merkt, ob jemand wirklich Vertrauen in sein Gerät hat.
Raphael hatte dieses Vertrauen. Vollständig. Rückhaltlos. Nach einer besonders rasanten Abfahrt – der Wind noch im Ohr, das Herz noch im Hals – dreht er sich um und fragt trocken: „Hat jemand von euch gebremst?"
Meine Antwort: „Ja – um nicht in dich reinzufahren."
Das ist keine Übertreibung. Das ist Rennradfahren in der Gruppe. Man folgt, man vertraut, und gelegentlich ist ein sanfter Griff an den Bremshebel weniger eine Frage der Angst als der Kollisionsvermeidung. Raphael lachte. Ich auch. Michael wahrscheinlich ebenfalls, obwohl ich in dem Moment zu beschäftigt war, meinen Puls zu normalisieren.
Die Uhr läuft – und alle schauen zu
Mit jedem Kilometer wuchs das Bewusstsein, dass wir die Zeit im Blick behalten mussten. Das Tageslicht in dieser Region ist im April noch nicht üppig – die Sonne geht früh unter, und die Straßen durch die Hügel der Romagna sind nachts kein Ort, den man auf schmalen Rennradreifen aufsuchen möchte.
Was uns diesmal zusätzlich begleitete: Im Hotel saßen Familie und Freunde (mitunter Ulrike und Peter die damals dabei waren) und verfolgten unsere Tour live über Strava Beacon. Der kleine blaue Punkt auf der Karte – das waren wir. Und je länger die Tour dauerte, je tiefer die Sonne stand, desto besorgter wurden die Nachrichten, die uns am Ende erwarteten. „Schafft ihr das noch?" war die höfliche Version. Die Erinnerung an Raphaels letzte Führung dieser Strecke – damals ebenfalls mit Dunkelheit als ungeplantem Schlusspunkt – hatte sich offenbar fest ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Wir fuhren. Wir genossen. Aber wir fuhren auch mit einem stillen Einverständnis: Heute nicht wieder in der Dunkelheit. Heute schaffen wir es.
Die letzten Kilometer nach Savignano sul Rubicone zurück hatten etwas Dramatisches – nicht wegen der Strecke, sondern wegen des Lichts. Die Sonne stand tief, warf lange Schatten über die Hügelkuppen, tauchte die Felder in dieses warme, orangefarbene Licht, das man nur in Italien in dieser Form bekommt. Es war gleichzeitig wunderschön und ein Countdown.
Zieleinlauf im letzten Licht
Wir haben es geschafft. Genau bis zum Sonnenuntergang. Nicht eine Stunde früher, nicht zehn Minuten später – sondern genau dann, als die Sonne hinter den Hügeln verschwand, rollten wir an unseren Ausgangspunkt zurück.
Ich glaube, alle drei haben kurz innegehalten. Nicht für ein großes Ritual – einfach dieser Moment, in dem man realisiert, dass man etwas knapp, aber sauber hinbekommen hat. Ulrikes Warnung: erfüllt. Ihr Szenario: nicht eingetreten. Knapp, aber nicht eingetreten.
Zum Abendessen kamen wir dann eine Stunde zu spät. Eine Stunde – das klingt nach Scheitern, ist aber bei einer Tour dieser Art ein ausgesprochen respektabler Wert. Hunger macht vieles relativ.
Glücklich, aber gerädert
Das Wort „gerädert" hat im Deutschen eine doppelte Qualität: Es beschreibt körperliche Erschöpfung – und es steckt das Rad drin. Selten war ein Ausdruck treffender.
76 Kilometer, 1.437 Höhenmeter, drei Männer auf Rennrädern durch eine der schönsten Landschaften Italiens. San Marino im Blick. Den Rubikon buchstäblich und metaphorisch überquert. Abfahrten, bei denen man bremst – oder eben auch nicht. Eine erste Pause nach 14 Kilometern, die mich kurz zweifeln ließ, und ein Sonnenuntergang, der uns am Ende belohnte.
Glücklich. Gerädert. Und bereits dabei, nachzudenken, wann wir es wiederholen.